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Wie ist es, in Barefoots zur berühmten Pilgerreise nach Santiago de Compostela aufzubrechen?
Kennst du dieses Gefühl, wenn du am liebsten auf alles pfeifen, kündigen und einfach wegfahren würdest? Irgendwohin. Egal wohin. Hauptsache weg. Dann zögere nicht und fahr los! Klingt wie ein Klischee aus einer Motivationsbroschüre – aber keine Sorge: In diesem Artikel über den Fußweg zum spanischen Pilgerort Santiago de Compostela erwarten dich weder tiefsinnige Gedanken über den Sinn des Lebens noch Fotos von herausgestreckten Bäuchen am Strand.
Ich habe das gegen ein Abenteuer eingetauscht: zu Fuß entlang der portugiesisch-spanischen Küste – und das auch noch im November, dem regenreichsten Monat des Jahres. 260 Kilometer mit frisch auskurierter Knöchelentzündung, ohne Training, mit zehn bis zwölf Kilo auf dem Rücken und in Barefoots. Was soll ich sagen: Es war ein perfekt unüberlegter Plan. Wenn dich so ein Abenteuer reizt – nur zu.
Damit ich unterwegs meine Freuden, Sorgen und schmerzenden Füße mit jemandem teilen konnte, habe ich meine Freundin Hanka überredet, mit mir loszustapfen. Und unterwegs hat sich dann noch Karel zu uns gesellt – unerwartet und ungefragt. Aber dazu später.

Auf Pilger-Websites liest man, dass zur Grundausstattung für eine Fußpilgerreise vor allem eins gehört: ordentliche Schuhe. Also Goretex-Wanderschuhe mit gedämpfter Sohle, die quasi für dich laufen – das wäre ideal. Tja, nur dass meinem sturen, frisch in Barefoot verliebten Ich kannst du erzählen, was du willst – es geht trotzdem seinen eigenen Weg. Hier wortwörtlich. Außerdem wird geraten, keine schweren Sachen mitzuschleppen, keine Souvenirs zu sammeln und ähnlichen Kram. Rate mal, wie viel mein Rucksack wog – und wie viel davon Erinnerungssteinchen waren.
Aber ja, die Ausrüstung ist das A und O. Ein gut gepolsterter Trekkingrucksack, der dich im Gelände unterstützt und selbst nicht viel wiegt (setz auf klassische Outdoor-Marken – dein Rücken wird es dir danken). Funktionskleidung, damit du nicht schon nach dem ersten Tag auf 100 Meter gegen den Wind riechst (das viel gelobte Merino hat sich wirklich bewährt). Und vor allem – eine ordentliche Regenjacke. Denn das Wetter kann selbst in Spanien tückisch sein. Wer hätte das gedacht? Wir jedenfalls nicht ...

Das Spannende an dieser Pilgerreise ist, dass es zwar nur ein Ziel gibt – diese malerische Kathedrale im Norden Spaniens –, aber Hunderte Startpunkte. Eigentlich Tausende. Du kannst nämlich theoretisch direkt vor deiner Haustür losgehen und einfach Richtung Santiago de Compostela laufen. Früher oder später stößt du auf die niedlichen gelben Pfeile, die dich die ganze Zeit begleiten. Und glaub mir: Sobald du anfängst, nach den gelben Pfeilen zu suchen, tauchen sie plötzlich überall auf.
Die Routen führen auch durch Tschechien. Ob bei dir vielleicht eine direkt unter dem Balkon beginnt, kannst du auf der tschechischen Website Ultreia nachschauen – dort findest du alle ausführlichen Infos zur Reise, alias Camino.
Längst geht es nicht mehr nur um eine Pilgerreise für Gläubige. Auf dem Camino triffst du eine unglaubliche Mischung an Menschen – und jede Person hat ihre eigene Geschichte, die sie gern mit dir teilt. Wir hatten leider nur begrenzt Zeit für den Weg und die Geschichten der Pilgernden, deshalb haben wir eine der meistbegangenen Routen gewählt – von Porto in Portugal, etwa 260 km. November ist nicht gerade die beste Wahl für lange Wandertouren – erst recht nicht in einem fremden Land, dessen Tücken du nicht kennst. Aber genau darum geht’s doch bei Abenteuern. Also: Buen Camino!

Es regnet. Es regnet schon am Abend, als wir die Schönheit der Farben Portos, der Kacheln, des Korks und des Weins entdecken. Und es regnet auch am Vormittag, als wir wie verrückt nach der Credencial suchen, dem Pilgerausweis (unterwegs sammelst du darin Stempel – und dank ihm findet man dir in den Pilgerunterkünften, den sogenannten Albergues, auch ein sauberes Bett). Und so habe ich zum ersten Mal die Wasserfestigkeit meiner Leder-Barefoots getestet. Sie haben tatsächlich eine respektable Zeit durchgehalten. Die ersten Kilometer auf dem Holzsteg am Ozean entlang haben sie bravourös gemeistert. Am Ende haben sie aber aufgegeben. Was ich ihnen verziehen habe – denn wenn es von oben, von der Seite und auch noch von unten regnet, hast du keine Chance. Das haben auch Hankas durchnässte Profi-Wanderschuhe bestätigt.
Erster Tag. Erste 22 km. Erstes Komplettdurchnässen. Freude und Begeisterung wechselten sich ab mit Gedanken wie: Verdammt, laufen wir jetzt noch 240 Kilometer im Regen? Noch 9 Tage? Dieser Rucksack ist irgendwie schwer. Die Barefoots waren vielleicht doch keine gute Idee. Regenjacke und Wind sind nicht gerade Freunde. Aber es hielt nie lange an. Der Blick auf den Ozean und jeder weitere durchnässte, lachende Pilger mit einem „Buen Camino“ ließ den trüben Gedanken keine Chance. Denn der Camino ist so, wie du ihn dir machst. Und warum sich mit etwas quälen, das du sowieso nicht beeinflussen kannst? Also weiter geht’s!

So schön läuft es – bis sich Kopf, Schultern, Knie, Hüften melden und bis du Karel triffst. Karel hat sich gleich am zweiten Tag zu uns gesellt. Eigentlich haben wir ihm wohl gefallen, denn er hat auch noch Freunde eingeladen – und so haben sich gleich mehrere bei uns eingenistet. An den empfindlichsten Stellen der Fußsohlen. Reisebegleiter zum Totlachen.
Aber weißt du was? Links rauscht der Ozean, und du gehst weiter, weil du es willst – niemand zwingt dich – und trotz Blasen ist es schön. Regen hin oder her. Schmerz hin oder her. Die Schwere von Deadlines, unerledigten Aufgaben und auch von Karel fällt ab und wird ersetzt durch die einzige wirklich wichtige Frage der menschlichen Existenz: Was essen wir?

„Es regnet viel, alles tut weh, und bergab tut es am meisten weh.“ So sehen meine Notizen aus der Mitte der Reise aus. Karma funktioniert aber – und auf das Schlechte folgt immer wieder etwas Gutes. Manchmal reicht schon eine scheinbar winzige Kleinigkeit, um dich wieder runterzubringen. Die Sonne kommt raus. Du siehst einen Regenbogen. Du triffst eine Kuhherde. Jemand fotografiert dich vor einer mittelalterlichen Steinkirche, und du musst kein peinliches Selfie machen. Oder du ziehst einfach kurz die Schuhe aus und trinkst einen guten Kaffee. Diese kleinen Glücksmomente empfehle ich dir jeden Tag – und zum Abschluss ein Glas leckeren portugiesischen/spanischen Rotwein. Oder drei.

Unterwegs sind Cafés und Restaurants an Pilgernde gewöhnt. Mit einem kleinen Extra-Lächeln erbarmen sie sich über dich und lassen dich zum Beispiel deine Schuhe am warmen Kamin trocknen. Entlang der portugiesischen Route gibt es zum Glück genug solcher Orte. Niemand findet es dort seltsam, wenn dein Rucksack mit nassen Socken behängt ist und sich unter dir beim Reinkommen ein kleiner Ozean bildet – mal aus Wasser, mal aus Sand. Obwohl die meisten Einheimischen den Camino nie gegangen sind, haben sie Respekt und Verständnis für Pilgernde.
Ein klarer Vorteil der Pilgerreise sind die Unterkünfte, die sogenannten Albergues, die auf allen Routen so verteilt sind, dass du (mehr oder weniger) jeden Tag eine erreichst. Oder zumindest jeden zweiten. Und obwohl es in Portugal und Spanien nicht üblich ist, Heizungen zu haben, sind die Albergues für Kälte und Regen mit Kamin oder Heizlüftern ausgestattet. Und das reicht meistens, damit Socken, Schuhe und Shirt über Nacht trocknen.

„Passt auf euch auf – und vor allem: haltet die Füße warm“, verabschiedete sich Hankas Vater vor der Reise von uns. Leichter gesagt als getan, wenn es so regnet, dass es völlig egal ist, ob du über eine Pfütze springst oder mitten reintrittst. Aber die Welt ist trotzdem schön – auch wenn du dabei humpelst und Karel sich bei jedem Schritt meldet.
Das erinnert mich daran: Im schlauen Internet findest du jede Menge großartige Tipps zur Fußpflege auf einer Pilgerwanderung. Zum Beispiel zwei Paar Socken zu tragen, damit der Fuß weniger reibt und keine Blasen entstehen. Funktioniert wirklich. Schade, dass ich erst zur Hälfte der Reise darauf gekommen bin. Trotzdem muss ich sagen: Mein Barefoot-Karel war im Vergleich zu Hankas mehreren nur eine kleine Salami, die sich beruhigen ließ – und nach zwei Tagen war er weg. Hanka hatte in den empfohlenen gedämpften Wanderschuhen deutlich mehr „Spaß“ damit.
Ein weiteres Wunder ist Tape, das einem schmerzenden Knie – und damit auch der Hüfte – Erleichterung verschaffen kann. Bis dann das andere anfängt weh zu tun. Und ein unglaublich guter Helfer ist Ringelblumensalbe. Und die Fußsohlen morgens und abends einzucremen. Ich war überzeugt, dass mir diese Gewohnheit auch zu Hause bleibt. Fußpflege für Füße, die dich ein Leben lang tragen, ist schließlich wichtig. Aber du kennst das: Wenn ich einmal pro Woche dran denke, ist das schon viel. Sei nicht wie ich.

Zu zweit zu gehen hat was. Du hast jemanden, mit dem du diese tausend begeisterten, neugierigen Gedanken übers Leben teilen kannst, bei dem du dich über Wehwehchen beschweren kannst – und dem du immer wieder sagen kannst, dass du Hunger hast. Aber es ist extrem wichtig, dabei die Balance zu finden. Denn manchmal – und gegen Ende immer öfter – entsteht ganz natürlich das Bedürfnis nach Stille und einfach weiterzugehen. Weiter. Allein. Im Beichtstuhl der eigenen Gedanken.
Und manchmal muss man diese versunkenen Momente mit einem vollkommen absurden Augenblick purer Freude durchbrechen. Wenn jemand von euch plötzlich den Spruch des Jahrhunderts raushaut: Schau mal, ich bin Millionär geworden – ich besitze zwei riesige Pools. In den Schuhen! Oder du triffst eine siebzigjährige Oma im langen Softshellrock statt Schürze, die den Camino schon zum vierten Mal geht – und du saugst ihre Lebensweisheit auf, inklusive der Angst vor Bettwanzen. Am Ende bekommst du ihre Telefonnummer und das Versprechen, dass du, wenn du mal nach Australien kommst, einen Schlafplatz hast. Wenn sie könnte, würde sie uns bestimmt auch noch Kuchen backen. Im Vergleich zu ihren 600 km ab Lissabon in Sandalen sind wir mit unseren 260 km und dem halben Alter totale Weicheier. Ich wünschte, ich wäre eines Tages wie sie.

Wir sind täglich etwa 30 km gelaufen. Am Anfang wirkten diese 260 Kilometer unfassbar weit weg. Und je weniger es wurden, desto größer wurde die Vorfreude, dass das Ziel näherkommt. Als es dann aber gefährlich nah war, kam wieder Enttäuschung auf, dass dieses ganze Abenteuer irgendwann endet. Aber auch Neugier: Wie ist es, anzukommen und vor der Kathedrale zu stehen? Die letzten Kilometer waren fröhlich. Das Wetter wechselte wie verrückt, und es war uns schon völlig egal. Genauso wie die Tatsache, dass wir zur Kathedrale über einen umständlichen Umweg gekommen sind. Denn plötzlich war sie da. In ihrer ganzen Schönheit. Und wir auch. Es war ein unglaublich seliges Gefühl eines kleinen großen Sieges – begleitet von der Traurigkeit, dass es langsam, aber sicher zu Ende geht.
Der Camino bringt viele schwere, aber wunderschöne Momente: Müdigkeit, Erschöpfung, Hunger, Traurigkeit und Heimweh – aber vor allem Lachen und Freude. Du merkst, wie genial der menschliche Körper ist. Wie dankbar wir ihm sein sollten. Dass Schmerz einen Grund hat – und dass wir meistens selbst daran schuld sind. Zum Beispiel durch falsch gewähltes Schuhwerk. Das ist allerdings nicht mein Fall: In Barefoots zu gehen war eine absolut großartige Idee.
Ob ich noch einmal gehen würde? Klar – am liebsten gleich morgen!

Den Camino de Santiago ist auch der Fotograf, Abenteurer und Polarlicht-Guide Marek Rybář gegangen. Ganze 110 km hat er bequem im Modell XERO SHOES HFS geschafft.
Schau dir sein Video von der Reise an:
Mit welchen Schuhen auf eine Weitwanderung?
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Text und Fotos: Eva Holíková

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